Hansafans ohne Ostbiografie

Resolute
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Re: Hansafans ohne Ostbiografie

Beitrag von Resolute »

Zu meinen Fan-Anfangszeiten musste ich mich sicher häufiger rechtfertigen. Obwohl, das ist ein falscher Ausdruck, es war eher eine Erklärung. Klar, es war noch zu Schulzeiten, mitten im Pott stellt sich dann unter Schülern die Frage, warum ausgerechnet Hansa.

Ich mag nicht infrage stellen, dass der Bezug zu Hansa anders ist, wenn er familiär gewachsen ist. Er mag sich anders anfühlen, wobei es da dann auch deutliche Abweichungen geben müsste. Der Fan, dessen Opa das Ostseestadion mitgebaut hat, hat garantiert einen anderen Bezug (er steht ja praktisch alle zwei Wochen sinnbildlich auf der Arbeit der Familie). Führt man diese Argumentation allerdings fort, wären auch Fans anders zu bewerten, wenn sie im Westen aufgewachsen wären - oder einfach in beispielsweise Sachsen. Trotz Ostbezug fehlt dann eben die direkte Nähe.

Was definitiv stimmt, ist, dass man als Fan ohne direkten Bezug den Verein häufig mit anderen Augen sieht, was garantiert an dem Abstand liegt. Ich kann von mir nicht behaupten, nicht mitzufiebern, mitzuleiden, mich zu ärgern oder zu freuen. Doch durch den Abstand und das räumlich bedingte Außenseiterdasein im persönlichen Umfeld, kommen Themen meist gar nicht auf oder werden nur kurz angesprochen. Klar unterhalte ich mich auf der Arbeit oder privat auch über Hansa und Fußball, viele Inhalte können aber gar nicht angesprochen oder diskutiert werden, weil meine Gesprächspartner weder die Umstände noch die Situation kennen. Was nicht deren Schuld ist, aber welcher Ruhrpottler findet in den Zeitungen/Medien schon was über Hansas Interna?

Wo ich gar nicht mitgehen kann, wäre die Argumentation, dass man Hansafan sein kann, so wie man BVBler oder so ist. So etwas höre ich auch zwischendurch, es soll zwar "nett" gemeint sein, ist aber falsch.

Hansafan wird man nicht, weil es gerade richtig toll läuft und die ganze Welt über Hansa redet und staunt. Hansafan wird man, weil der Verein trotz meist mieser Ergebnisse irgendwas hat, was einen anspricht. Ja, ich gebe offen zu, den ersten Schritt damals aus rebellischer Haltung und einem Crush gemacht zu haben. Nur war das im November 1998, die Rebellion wurde nicht nur akzeptiert, sondern unterstützt und der Crush war sechs Monate später in Leverkusen. Ich blieb dabei (mit dreijähriger gesamtfußballerischer Auszeit und Rückkehr in den Tiefzeiten der dritten Liga). Warum kann ich gar nicht beantworten. Ich weiß es nicht. Irgendwas hat Hansa für mich, das andere Vereine nicht haben. Andere Vereine bespaßen, unterhalten, begeistern mich auch zeitweise. Manchmal denke ich auch, warum Hansa nicht mal so spielen kann. Trotzdem kehre ich zum Essen wieder auf die Kogge zurück.

Ich habe es schonmal gesagt: Durch und nur dank Hansa habe ich tolle Menschen kennengelernt. Menschen, die ich nie getroffen hätte, ohne im Hansablock gestanden zu haben. Über die Menschen konnte ich Familien kennenlernen, deren Geschichten und Erfahrungen hören und zuletzt über sie "den Osten" entdecken, wie es sonst kaum möglich gewesen wäre. Ich rede nicht von Urlaubsreisen oder Sightseeing, sondern von Erzählungen aus der DDR, Erfahrungen nach der Wende, auch mal von (hitzigen) Diskussionen, in deren Rahmen beide Seiten ernsthaft über den anderen gelernt haben.

Trotz allem lasse ich mich als Wessi bezeichnen und weiß, dass ich immer ein Außenseiter sein werde. Das mache ich niemandem zu Vorwurf. Ebensowenig, wie ich einem alten Hansafreund zum Vorwurf mache, noch heute schockiert zu sein, dass der Ruhrpott alles andere als grau und rußig ist.
Durch die Entfernung und meine heute nur seltenen Besuche fehlt mir die Anbindung, wirklich mittendrin zu sein. Deshalb halte ich mich auch bei Themen wie Vorstand, AR und Co zurück. Ich habe sicherlich Meinungen zu den Themen und finde die aktuelle Situation alles andere als positiv, nur fehlt mir das direkte Wissen, um konstruktiv zu diskutieren. Auf Basis der spärlichen Mitgliederinfos lässt es sich aus der Ferne nur mühsam mitreden.

Jetzt habe ich ein halbes Buch geschrieben, kann aber eine Frage selbst nicht beantworten. Ich weiß nicht, warum ich Hansafan wurde oder seit fast 26 Jahren immer noch bin. Ich bin es einfach und werde es wohl irgendwie immer sein. Und damit bin ich wohl nicht anders als all die Kinder, deren dasFansein in die Wiege gelegt wurde. Meine Gründe sind genau so sinnig oder unsinnig wie die, hineingeboren zu sein. Nur, weil die Familie gerne Sauerkraut isst, muss ich das nicht auch mögen.
Man tut es. Oder halt nicht. Mich kann man mit Sauerkraut ebenso jagen, wie mit RWE, Schalke, Dortmund und Bochum.
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Lohena
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Re: Hansafans ohne Ostbiografie

Beitrag von Lohena »

Flo hat geschrieben: Mi 28. Aug 2024, 17:49 Hansa hat viele Sympathisanten, teilweise weltweit.
ja sogar aus den USA! Ost/West ist mir egal, Hansa ist der beste Verein im Norden.
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